Instagram hat den Account von Pornhub gesperrt, eine der weltgrößten Pornoseiten. Auf Instagram soll der Account mehr als 13 Millionen Follower:innen gehabt haben. Gründe für die Sperre hat Instagram bislang nicht genannt. Doch längst führen fundamentalistische Porno-Feinde einen Deutungskampf um die Entscheidung – und zahlreiche Nachrichtenmedien unterstützen sie dabei.
Der Fall zeigt exemplarisch, was bei der öffentlichen Debatte um Pornografie schiefläuft und wie Medien auf Meinungsmache hereinfallen. Dahinter stecken die beharrliche Lobby-Arbeit radikaler Porno-Gegner:innen sowie tiefsitzende Tabus rund um Pornografie und Sexualität. Um all das aufzudröseln, braucht es bloß eine simple Unterscheidung: Bei Pornhub gibt es nicht nur einen Konflikt – sondern zwei.
Der erste Konflikt ist gerechtfertigt. Er handelt von Menschen, die nie auf Pornoseiten zu sehen sein wollten. Einige wurden gegen ihren Willen gefilmt. Andere waren zwar mit den Aufnahmen einverstanden, aber nicht mit deren Veröffentlichung. Wieder andere wurden gefilmt, als sie Ziel sexualisierter Gewalt waren. All das ist illegal. Der Sammelbegriff dafür ist bildbasierte, sexualisierte Gewalt. Pornhub und andere große Plattformen werden dafür kritisiert, Uploads nicht richtig überprüft zu haben.
Diesen Konflikt haben Nachrichtenmedien im Blick, wenn sie über die Instagram-Sperre von Pornhub berichten. Unter anderem Der Standard, Heise Online und Pro7 stellen diesen in den Vordergrund. Das ist zwar nicht falsch, aber es ist irreführend. Es gibt nämlich noch einen zweiten, kaum beachteten Konflikt.
Gebete für die Schließung von Bordellen
Der zweite Konflikt ist nicht gerechtfertigt. Er handelt von Menschen, die Pornografie und Sexarbeit im Allgemeinen abschaffen möchten. Sie träumen von einer Welt ohne kommerzielle, sexuelle Dienstleistungen. US-amerikanische NGOs wie „Exodus Cry“ und „NCOSE“ propagieren dieses Weltbild offen auf ihren Websites. „Exodus Cry“ ermuntert online dazu, für die Schließung von Bordellen zu beten und auf den Konsum von Pornos zu verzichten. Die NGOs vergleichen die Abschaffung sexueller Dienstleistungen mit der Abschaffung der Sklaverei. Sexarbeit und Pornografie werden hier nicht nur mit Scham besetzt, sondern auch verteufelt.
Um ihre Ziele zu erreichen, nutzen die Porno-Gegner:innen einen Trick. Sie solidarisieren sich mit den Betroffenen bildbasierter Gewalt. „Exodus Cry“ promotet fleißig die populäre Anti-Pornhub-Petition „Trafficking Hub“. Die NGOs fördern auch medienwirksame Sammelklagen von Betroffenen bildbasierter Gewalt gegen Pornhub und XVideos.
Das Handeln dieser Hardliner:innen ist nicht mit Grundrechten vereinbar. Menschen haben ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Sie dürfen Pornos schauen und selbst welche erstellen, sofern alle Beteiligten ihr Einverständnis geben und volljährig sind. Menschen dürfen auch mit Pornos Geld verdienen, das ist Berufsfreiheit.
„Sie instrumentalisieren Betroffene“
Hinter dem Einsatz für die Rechte von Betroffenen digitaler Gewalt steckt somit ein breit angelegter Kulturkampf. Und in diesem Kampf greifen die Porno-Gegner:innen zu einer geschickten Instrumentalisierung.
Der Trick wurde zwar längst durchschaut. In Deutschland setzt sich eine Gruppe um die Aktivistin Anna Nackt für die Rechte von Menschen ein, deren Aufnahmen ohne Einverständnis auf Pornoseiten kursieren. Schon im Januar hat Anna Nackt gegenüber netzpolitik.org gesagt: „Organisationen wie Exodus Cry geht es nicht um die Betroffenen. Sie instrumentalisieren die Betroffenen, um die Abschaffung von Pornografie durchzusetzen“. Auch einzelne US-Medien wie The Daily Beast und The Verge haben kritisch darüber berichtet.
Dennoch fallen viele andere Nachrichtenmedien nach wie vor auf diesen Trick herein. Das sieht man auch aktuell in Berichten über die Instagram-Sperre von Pornhub. Nachrichtenmedien zitieren einen NCOSE-Sprecher, der Pornhub mal eben als „kriminelles Unternehmen“ bezeichnet. Der Sprecher prangert an, Instagram habe geholfen, Millionen Menschen auf eine Pornoseite zu bringen.
Zwischenfrage: Ja und?
Der Vorwurf ergibt nur Sinn, wenn man den Besuch einer Pornoseite an sich für etwas Schlechtes hält. Kritisch eingeordnet wird das in den Berichten meist nur zaghaft, oft aber auch gar nicht. Doch es ist schon ein journalistischer Fehler, die Einschätzung von NCOSE überhaupt wiederzugeben. Denn fundamentale Porno-Feinde eigenen sich grundsätzlich nicht als Expert:innen.
Auch in Redaktionen gibt es unreflektierte Tabus gegenüber Pornografie. Als ich begann, über Pornoplattformen zu recherchieren, wusste ich nicht, wie meine Familie das finden würde. Ich war erleichtert, als ich gemerkt habe, dass sie das entspannt sieht. Warum sollte sie meine Arbeit auch nervös machen? Ich glaube, dafür ist das Erbe der religiösen Sexualmoral verantwortlich. Die Spuren dieses Erbes lassen sich auch heute noch in der Wortwahl journalistischer Berichte wiederfinden. Die Tageszeitung L’essentiel aus Luxemburg titelt etwa über die Instagram-Sperre von Pornhub: „Schluss mit schmutzig“.
Pornos sind kein Schmutz
Schmutz, Schmuddel, Scham. Solche Wörter zeugen von einem gar nicht mal so alten Weltbild, in dem allein ehelicher Hetero-Sex als rein gilt. Ein Weltbild, in dem sich Menschen für ihre Sexualität schämen und sich fragen, ob Onanieren blind machen könnte. Ein Weltbild, in dem Menschen Angst vor ihren eigenen Kinks haben. Ich glaube, die Sexualmoral aus dem vergangenen Jahrtausend sitzt uns allen noch im Nacken. Wie tief solche Ansichten verwurzelt sind, zeigen auch andere journalistische Beiträge, die Pornos beiläufig als Schmuddel bezeichnen.
Von Angst und Scham geprägte Ansichten über Pornografie sind in der breiten Öffentlichkeit nach wie vor anschlussfähig. Die Anti-Porn-Lobby nutzt das aus. Die Aktivist:innen argumentieren damit, dass Pornos abhängig machen können und ein unrealistisches Bild von Sexualität vermitteln. Das ist mindestens irreführend. Nicht nur Pornos vermitteln oft ein unrealistisches Bild der Realität, sondern Medien generell. Um damit reflektiert umzugehen, hilft Medienkompetenz. Laut Weltgesundheitsorganisation gibt es zwar sexuelle Verhaltensstörungen, bei denen unter anderem Pornokonsum eine Rolle spielen kann. Aber Pornos allein lösen die Störung weder aus noch sind sie selbst ein Suchtmittel.
Der Anti-Porn-Lobbyismus hat politische Folgen. In den USA setzen repressive Gesetze Online-Plattformen unter Druck. Plattformen sperren zunehmend Accounts von Sexarbeiter:innen. Eine Weile hat selbst OnlyFans damit gerungen, Pornografie zu sperren – dabei ist OnlyFans eben damit groß geworden. Die Folge: Betroffene Sexarbeiter:innen verlieren den Kontakt zu Kund:innen und müssen um ihr Einkommen fürchten. Zahlungsdienstleister wie Visa und Mastercard haben sich nach öffentlichem Druck von Pornhub zurückgezogen. Noch ein finanzieller Rückschlag für Menschen, die mit Pornos ihr Geld verdienen.
Pornos gehören in die Mitte der Gesellschaft
Den Feldzug gegen Pornografie gibt es auch in Europa. Unter anderem in Großbritannien, Frankreich und Deutschland werkeln Behörden an Regulierungen für Pornoseiten, die das halbe Internet in einen Überwachungsapparat verwandeln könnten. So fordert die deutsche Medienaufsicht, dass Pornoseiten die Ausweise von Abermillionen Erwachsenen kontrollieren, alles im Namen des Jugendschutzes. Ja, sie empfiehlt sogar, biometrische Gesichtskontrollen von Pornoseiten-Besucher:innen einzuführen.
Das mächtige Tabu rund um Pornografie hemmt alle Beteiligten. Pornoseiten gehören zwar zu den meistbesuchten Websites der Welt, aber kaum jemand will sich öffentlich damit beschäftigen: Politiker:innen werden kaum damit Wahlkampf machen, die Erotikbranche zu stärken. Wohl auch aus Sorge vor gewaltbereiten Porno-Hasser:innen verschleiern führende Porno-Manager:innen ihre Identität. Sexarbeiter:innen äußern sich zurückhaltend, meist nur unter Pseudonym. Pressestellen von Pornoplattformen reagieren knapp oder gar nicht auf Anfragen von Journalist:innen. So wird das nichts.
Man kann die Praktiken von Pornoseiten kritisieren, ohne Pornografie zu verteufeln. Instagram sollte den Pornhub-Account wieder freigeben. Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft müssen mangelhafte Inhalte-Moderation und prekäre Arbeitsbedingungen offen und konstruktiv diskutieren. Auf Einverständnis basierende Pornografie gehört in die Mitte der Gesellschaft.
Update, 20:25 Uhr: Pornhub hat sich inzwischen auf Anfrage von netzpolitik.org geäußert. Der Instagram-Account von Pornhub sei vorübergehend deaktiviert worden, was in der Vergangenheit schon oft geschehen sei. Instagram beschränke Inhalte der Erotikbranche mit übermäßiger Vorsicht. „Eine Tatsache, mit der Tausende von Erotikdarsteller:innen jeden Tag zu kämpfen haben, obwohl sie nicht gegen die Nutzungsbedingungen von Instagram verstoßen“, schreibt der Pornhub-Sprecher auf Englisch. „Wir freuen uns darauf, dass unser Konto wieder aktiviert wird, so wie es immer der Fall war.“
